16 Hochwasser in zwei Jahren – Europas vergessene Flutserie
Die Magdalenenflut von 1342 galt lange als außergewöhnliche Einzelkatastrophe. Eine neue Studie zeigt nun: Innerhalb von nur zwei Jahren trafen 16 große Hochwasser weite Teile Europas – auch Sachsen.
Sachsen kennt Hochwasser. Die Fluten von 2002 und 2013 sind vielen noch präsent. Vor rund 700 Jahren traf Europa eine noch ungewöhnlichere Serie. Innerhalb von nur zwei Jahren ereigneten sich 16 große Hochwasser. Das zeigt eine neue Studie im Fachjournal Nature mit Beteiligung des Leipziger Umwelthistorikers Martin Bauch vom Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO).
Bislang galt die Magdalenenflut vom Juli 1342 als schwerstes Hochwasser Mitteleuropas im letzten Jahrtausend. Die Studie zeigt, dass sie kein Einzelfall war. Zwischen Winter 1341/42 und Ende 1343 suchten 16 große Hochwasser weite Teile Europas heim. Vier davon erreichten Größenordnungen, die statistisch nur etwa alle 500 bis 1.000 Jahre zu erwarten sind. Dazu gehörten die Magdalenen-, die Lichtmess-, die Jakobs- und die Bartholomäusflut. 1342 war das hochwasserreichste Jahr der vergangenen 700 Jahre.
16 Fluten in zwei Jahren
Die Forschenden werteten über 1.000 historische Quellen aus, etwa Chroniken und Rechnungsbücher. Bauch brachte vor allem Quellen aus Mitteldeutschland, Böhmen und dem östlichen Mitteleuropa in die Untersuchung ein.
Erstautorin Andrea Kiss von der TU Wien forschte 2025 als Gastwissenschaftlerin am GWZO in Leipzig. "Wir können Monat für Monat rekonstruieren, welche Regionen Europas wann betroffen waren. Das zeigt deutlich, dass sich die Hochwasser wie eine Perlenkette durch die Jahre 1341 bis 1343 ziehen – nicht alle gleich verheerend, nicht alle am selben Ort, aber alle klar miteinander verbunden", sagt sie.
In Prag riss die Moldau die Judithbrücke fort, Vorgängerin der Karlsbrücke. An der Elbe stürzten Brücken in Dresden und Meißen ein. Der Chronist Johann von Winterthur berichtete von rund 6.000 Toten entlang der Donau. Europaweit forderten die Fluten nach Angaben der Forschenden viele Tausend Opfer.
Vulkane und Meereis könnten eine Rolle gespielt haben
Als mögliche Ursache für die ungewöhnliche Häufung sehen die Forschenden mehrere Faktoren. Um 1340 ereignete sich eine Serie großer Vulkanausbrüche, darunter mindestens fünf in den Tropen sowie ein Ausbruch des isländischen Vulkans Hekla. Gleichzeitig ging das arktische Meereis über mehrere Jahre zurück. Beides könnte die Luftströmungen über Europa verändert und extreme, langanhaltende Niederschläge begünstigt haben.
Bauch ordnet die Serie ein. "Die Magdalenenflut ist bis heute im kollektiven Gedächtnis präsent, weil sie mit Hochwassermarken und Gedenktafeln festgehalten wurde, aber auch durch jährlich wiederholte Bittprozessionen. Dass sie nur ein Ereignis in einer ganzen Kette von Katastrophen war, ist über die Jahrhunderte in Vergessenheit geraten." Diese Jahre gehörten zur Krise des 14. Jahrhunderts, die wenige Jahre später im Schwarzen Tod gipfelte, erklärt Bauch.
Der Wiener Hydrologe Günter Blöschl sieht darin auch eine Bedeutung für den heutigen Hochwasserschutz. "Hochwasser sind statistisch nicht unabhängig voneinander: Sie treten nicht einfach zufällig ein wie Lottogewinne, sondern können statistisch und ursächlich zusammenhängen", sagt er. Serien mehrerer Extremhochwasser innerhalb weniger Monate würden im heutigen Risikomanagement dennoch kaum berücksichtigt.
Nach Einschätzung der Forschenden könnte der Klimawandel solche Häufungen künftig wahrscheinlicher machen. Sie plädieren deshalb dafür, beim Hochwasserschutz nicht nur einzelne Extremereignisse, sondern auch ganze Serien einzukalkulieren.
Originalpublikation:
Kiss, A., Viglione, A., Barrientos, M., Enzi, S., Bauch, M. et al. (2026): Cascading continental-scale floods across Europe in 1342–1343. Nature.