Erst tauchen, dann laufen: Woher unsere Ausdauer kommen könnte
Menschen können einen Marathon laufen und erstaunlich lange mit angehaltenem Atem tauchen. Zwei Forscherinnen vermuten, dass beides zusammenhängt.
Marathon laufen oder minutenlang ohne Sauerstoffflasche tauchen. Unter den Primaten kann der Mensch beides außergewöhnlich gut. Woher kommt diese Ausdauer? Jagten unsere Vorfahren Beutetiere so lange, bis diese erschöpft aufgaben? Oder spielte auch die Nahrungssuche im Wasser eine Rolle?
Josephine Joordens vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und Erika Schagatay von der Mid Sweden University in Östersund schlagen eine neue Erklärung vor. Sie schauen dafür sowohl auf unsere frühen Vorfahren als auch darauf, was beim Tauchen im menschlichen Körper passiert. Ihre These heißt: "Tauchen zuerst, Ausdauerlaufen später". Die bekannte Ausdauerlauf-Hypothese verwerfen sie nicht. Sie ergänzen sie um das Wasser.
Stundenlang Nahrung aus dem Meer holen
Tauchgemeinschaften wie die Ama in Japan oder die Sama-Bajau in Südostasien zeigen, was Menschen beim Freitauchen leisten können. Über Stunden tauchen sie immer wieder ab, um Fische und Muscheln zu sammeln. Die Forscherinnen nennen das "Ausdauertauchen".
Eine Ama-Taucherin absolvierte in zwei Stunden 50 Tauchgänge in acht bis zehn Metern Tiefe und blieb 45 Prozent der Zeit unter Wasser. "Diese Tauchmethode ermöglicht es Menschen, jeden Tag stundenlang unter Wasser zu arbeiten und dabei immer wieder die Luft anzuhalten", sagt Schagatay, Professorin für Tierphysiologie. Wer immer wieder mit angehaltenem Atem taucht, muss mit dem vorhandenen Sauerstoff haushalten. Die Forscherinnen vermuten, dass sich dabei Fähigkeiten von Atmung und Kreislauf entwickelt haben könnten, die später auch beim Langstreckenlauf von Vorteil waren.
Schwere Knochen als Hinweis auf frühe Taucher
Auch Fossilien liefern den Forscherinnen Hinweise. Homo erectus und Neandertaler hatten vergleichsweise massige Knochen. Das wurde bislang häufig mit starker körperlicher Belastung an Land erklärt.
Doch schwere Knochen haben noch einen anderen Effekt. Sie helfen beim Tauchen in flachem Wasser, den Auftrieb zu kontrollieren. Beim Ausdauerlaufen sind sie dagegen eher von Nachteil. Kräftig gebaute frühe Homo-erectus-Populationen könnten deshalb auch unter Wasser nach Nahrung gesucht haben. Leichter gebaute Gruppen waren möglicherweise stärker an das Leben und die Nahrungssuche an Land angepasst.
Zwei Fähigkeiten treffen aufeinander
Die Autorinnen gehen noch einen Schritt weiter. DNA-Modelle deuten darauf hin, dass heutige Menschen aus der Vermischung zweier alter Populationen hervorgegangen sein könnten. Joordens und Schagatay vermuten, dass eine stärker auf Tauchen, die andere stärker auf Laufen spezialisiert war. So könnten im modernen Menschen schließlich beide Fähigkeiten zusammengekommen sein.
Noch ist das eine Hypothese. Um sie zu prüfen, wollen die Forscherinnen weitere Merkmale unserer Vorfahren untersuchen – sogar die Nase. "Die äußere menschliche Nase könnte sich beispielsweise als wichtiges Merkmal entwickelt haben: Sie ermöglicht das Tauchen in flachem Wasser, ohne dass Wasser in die Nasenwege eindringt", sagt Schagatay. Ob unsere besondere Ausdauer tatsächlich auch eine Geschichte des Wassers ist, müssen weitere Untersuchungen zeigen.
Originalveröffentlichtung:
Josephine Joordens, Erika Schagatay: „Dive First, Run Later? The Role of Endurance Diving in Human Evolution“. PaleoAnthropology, 17. September 2026.