Was Vogeldaten über den Zustand der Natur verraten
Kiebitz, Feldlerche und Goldammer werden seltener. Forschende aus Leipzig wollen Daten aus Vogelbeobachtungen nutzen, um Veränderungen in der Natur besser messbar zu machen.
Feldlerche, Rebhuhn und Kiebitz waren auf Feldern und Wiesen lange häufig zu sehen. Doch ihre Bestände sind in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgegangen. Beim Kiebitz beträgt das Minus seit 1990 rund 80 Prozent. Von der Goldammer ist seit 2006 mehr als jeder vierte Vogel in Deutschland verschwunden.
Solche Vogeldaten sind wertvoll. Denn Vögel werden in Deutschland seit Jahrzehnten beobachtet, auch dank vieler Ehrenamtlicher. Deshalb wissen Forschende bei Vögeln besonders gut, wo ihre Bestände wachsen oder schrumpfen. Bei der biologischen Vielfalt insgesamt fehlen solche genauen Daten häufig.
Ein neues Forschungsprojekt will deshalb die umfangreichen Vogeldaten nutzen, um Veränderungen in der Natur besser messbar zu machen. "Beim Schutz der Biodiversität stehen wir oft vor dem Problem, dass uns dafür konkrete Daten fehlen und es noch keine allgemein anerkannten Indikatoren gibt, die die räumlichen und zeitlichen Veränderungen der Biodiversität widerspiegeln", sagt Biodiversitätsforscherin Katrin Böhning-Gaese vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig.
Sie leitet das Forschungsprojekt "TripleBird" mit dem Dachverband Deutscher Avifaunisten sowie in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) in Leipzig und der Universität Potsdam. Rund fünf Millionen Euro stellen der Bund sowie Sachsen und Sachsen-Anhalt bereit.
Ein digitales Abbild aus Millionen Vogelbeobachtungen
Im Teilprojekt „BirdTwin“ entsteht eine Art digitales Abbild der Vogelbestände in Deutschland. Dafür führen die Forschenden unterschiedliche Daten an einem Ort zusammen. Mehr als 3,8 Millionen genau verortete Beobachtungen häufiger Brutvögel fließen ein, dazu rund eine Million weitere Beobachtungslisten. Ergänzt werden sie um Informationen zu Klima, Umwelt und Landnutzung.

"Wir sorgen mit dem digitalen Zwilling dafür, dass diese Daten pass- und bedarfsgerecht aufbereitet und für die modellbasierte Szenarienentwicklung und Anwendungen im Naturschutz verfügbar gemacht werden", erklärt Petra Jacobs, die das Teilprojekt leitet.
Noch in diesem Jahr soll aus den Vogeldaten ein Monitor für ganz Deutschland entstehen. Er zeigt zunächst die Entwicklung von neun Vogelarten, die vor allem auf Feldern und Wiesen leben. Dazu gehören Feldlerche, Goldammer und Kiebitz. Später sollen weitere häufige Brutvogelarten hinzukommen. Die Daten sollen jedes Jahr aktualisiert werden.
Was passiert bei mehr Hecken und Brachflächen?
Im Teilprojekt "BirdFutures" wollen die Forschenden mögliche Entwicklungen für die Zukunft berechnen. "Wir können verschiedene Szenarien zur Landnutzung und zum Klima durchspielen", sagt Projektleiterin Tatiane Micheletti. So lässt sich zum Beispiel abschätzen, wie sich mehr Hecken oder Flächen, die eine Zeit lang nicht bewirtschaftet werden, auf bestimmte Vogelarten auswirken könnten. Damit könnten verschiedene Maßnahmen im Naturschutz oder in der Landwirtschaft miteinander verglichen werden.
Im Teilprojekt "BirdBusiness" geht es darum, die Daten auch für Unternehmen und Banken nutzbar zu machen. "So soll zum Beispiel erfasst werden, ob Firmen in einer Region investieren, die besonders wichtig für die Biodiversität ist, und ob diese Investitionen Auswirkungen auf die Biodiversität haben könnten", sagt Johannes Förster vom UFZ.
Das könnte beispielsweise eine Rolle spielen, wenn eine neue Fabrik oder ein Rechenzentrum gebaut werden soll. Die Daten sollen helfen abzuschätzen, ob dadurch wichtige Lebensräume beeinträchtigt werden. Sie könnten außerdem zeigen, wo Maßnahmen zum Schutz der Natur besonders sinnvoll wären.
Das Forschungsprojekt "TripleBird" wird mit insgesamt rund fünf Millionen Euro öffentlich gefördert. Für "BirdFutures" stellt das Bundesforschungsministerium rund 2,7 Millionen Euro bereit. "BirdTwin" erhält rund 1,5 Millionen Euro vom Land Sachsen-Anhalt, "BirdBusiness" eine Million Euro vom Freistaat Sachsen.