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Grönland und Antarktis: Elf Billionen Tonnen Eis sind verschwunden

Die polaren Eisschilde haben seit den 1970er-Jahren gewaltige Mengen Eis verloren. Eine außergewöhnlich lange Satellitenmessreihe zeigt nun, was vor allem dahintersteckt: schneller fließende Gletscher.

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Eislandschaft mit Gletschereis und Schnee in der Arktis
Die Eisschilde Grönlands und der Antarktis haben seit den 1970er-Jahren rund elf Billionen Tonnen Eis verloren. Der größte Teil des Verlusts geht auf schneller fließende Gletscher zurück. © Mirko Scheinert/TUD

Einunddreißig Meter. So hoch würde Deutschland unter Wasser stehen, wenn man die elf Billionen Tonnen Eis, die Grönland und die Antarktis seit den 1970er-Jahren verloren haben, als Schmelzwasser gleichmäßig über das Land verteilen würde. Das zeigt die bislang längste Satellitenmessreihe zu den beiden Eisschilden. Vier Wissenschaftler der TU Dresden waren an der Auswertung beteiligt.

Der Eisverlust ließ den globalen Meeresspiegel zwischen 1979 und 2023 um 3,1 Zentimeter steigen. Grönland steuerte davon 1,8 Zentimeter bei, die Antarktis 1,3 Zentimeter. Die beiden Eisschilde, also die riesigen Eispanzer an Land, tragen heute etwa ein Viertel zum weltweiten Anstieg des Meeresspiegels bei.

Gletscher fließen schneller ins Meer

Nur 16 Prozent des gesamten Eisverlusts gingen auf Schmelzen an der Oberfläche zurück. 84 Prozent entstanden dadurch, dass Gletscher schneller flossen und mehr Eis ins Meer transportierten. "Mehr als vier Fünftel des verlorenen Eises wurden von schneller fließenden Gletschern in den Ozean transportiert, anstatt an der Oberfläche zu schmelzen", sagt Studienleiterin Inès Otosaka von der Northumbria University in Großbritannien.

Seit den 1990er-Jahren hat das Tempo stark zugelegt. Grönland verlor in den 1980er-Jahren rund 60 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr, in den 2010er-Jahren schon 264 Milliarden. In der Antarktis stieg der Verlust von 48 auf 202 Milliarden Tonnen jährlich. Dort gehen die Nettoverluste laut Studie auf schneller fließende Gletscher zurück, die unter anderem auf wärmeres Meerwasser reagieren.

Zwischen 2020 und 2023 verlangsamte sich der Eisverlust vorübergehend. Rekordschneefälle in der Ostantarktis glichen einen Teil der Verluste dort aus. Mildere Sommer in Grönland verringerten die Oberflächenschmelze. Eine Trendwende ist das laut den Forschenden nicht.

Ein halbes Jahrhundert im Blick

Dass Grönland und die Antarktis Eis verlieren, ist schon länger bekannt. Neu ist vor allem der lange Blick zurück. Für die Studie im Fachblatt "Scientific Data" führte das internationale Team 42 unabhängige Satellitendatenanalysen aus 27 verschiedenen Missionen zusammen. Forschende aus insgesamt 37 Institutionen waren beteiligt. Für Grönland reichen einzelne Daten bis 1972 zurück, für die Antarktis bis 1979.
Vier Wissenschaftler der TU Dresden steuerten Auswertungen bei. 

Dabei kamen zwei Messarten zum Einsatz. Manche Satelliten bestimmen die Höhe der Eisoberfläche, andere erfassen Änderungen der Erdanziehungskraft. Verliert eine Region große Mengen Eis, verändert sich dort auch die Erdanziehungskraft. Daraus lässt sich auf die verlorene Eismasse schließen.

"Die hier aggregierten Zahlen sind das Ergebnis einer langen Entwicklung von Messsystemen und Auswerteexpertise. Sie vermitteln ein umfassendes Bild nicht nur über die Eismassenverluste, sondern auch die zugrundeliegenden Prozesse", sagt Martin Horwath, Professor für Geodätische Erdsystemforschung an der TU Dresden. Der Vergleich der verschiedenen Methoden zeige aber auch, wo noch Forschung nötig sei, etwa in der Ostantarktis.

Die lange Messreihe soll nun helfen, besser zu verstehen, wie sich die Eisschilde verändern – und damit auch, ihren künftigen Beitrag zum Meeresspiegelanstieg genauer abzuschätzen.


Originalpublikation:
Otosaka, I.N., Shepherd, A., Amory, C. et al. Mass balance of the Greenland and Antarctic ice sheets from the 1970s to 2023. Sci Data 13, 1301 (2026).