Start / Themen / Kernfusion für Unternehmen – wie ALOtec den Einstieg schafft
Top Thema

Mit dem eigenen Wissen ins Unbekannte

Die Firma ALOtec aus Kesselsdorf ist kein Fusionsexperte. Trotzdem arbeitet das Unternehmen inzwischen an mehreren Forschungsprojekten für künftige Fusionskraftwerke mit. Ein Erfahrungsbericht.

Vorlesen 0:00
Ein Mitarbeiter der Firma ALOtec bei der Arbeit an einer Laseranlage.
Das Unternehmen ALOtec Dresden bringt seine Erfahrung mit Lasertechnik in mehrere Forschungsprojekte für künftige Fusionskraftwerke ein. © ALOtec

Kernfusion klingt nach Raketenwissenschaft. Nach Experimenten, Großforschungsanlagen und ziemlich komplizierten Formeln. Wer als Unternehmen daran mitarbeiten will, muss sich mit all dem bestens auskennen. Das könnte man zumindest vermuten. Clemens Kuhn widerspricht. „Ich bin noch immer kein Experte in der Kernfusion und auch weit davon entfernt“, sagt der Geschäftsführer der ALOtec Dresden GmbH. Trotzdem arbeitet das Unternehmen aus Kesselsdorf inzwischen gleich in mehreren Forschungsprojekten zur Kernfusion mit. 

Die Firma bringt dafür etwas anderes mit – mehr als 25 Jahre Erfahrung. Das Unternehmen baut Anlagen, die Metallbauteile mithilfe von Lasern bearbeiten. Beim Laserhärten wird die Oberfläche gezielt erhitzt, damit sie widerstandsfähiger wird. Beim Laserauftragschweißen wird zusätzliches Metall aufgetragen, etwa um verschlissene Bauteile zu reparieren oder ihre Oberfläche zu verändern.

Ein Anruf führt zur Kernfusion 

Mit dem Thema Kernfusion hatte ALOtec lange wenig zu tun. Das änderte sich vor rund zwei Jahren. Über einen bestehenden Kontakt kam Kuhn mit einem Forschungsprojekt in Berührung. Gesucht wurde eine Lösung für ein Problem, das in künftigen Fusionskraftwerken eine wichtige Rolle spielen könnte. „Unsere mobile Anlagentechnik passte dazu“, sagt Kuhn.

Im Forschungsprojekt ISEGRIM geht es um Bauteile, die dem extrem heißen Plasma in einem Fusionsreaktor direkt ausgesetzt sind. Diese sogenannten Plasma Facing Components, kurz PFC, bestehen unter anderem aus Wolfram. Das hitzebeständige Metall wird dabei mit der Zeit abgetragen.

Die Projektpartner, darunter das Forschungszentrum Jülich und das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT in Aachen, wollen deshalb ein Verfahren entwickeln, mit dem sich solche Bauteile reparieren lassen. Statt sie komplett auszutauschen, soll ein Laser wieder Wolfram auftragen. Das Verfahren wird zunächst entwickelt und getestet. „Am Ende soll ein Konzept stehen, das sich später in ein Fusionskraftwerk integrieren lässt“, erklärt der ALOtec-Geschäftsführer.

Für ihn war das der Einstieg in eine neue Welt. Doch er merkte schnell, dass sich das Wissen aus dem bisherigen Geschäft nicht einfach eins zu eins übertragen lässt. In solch ein Projekt fließt das Knowhow vieler ein. „Ob Forschungseinrichtung oder Unternehmen, jeder Partner bringt einen anderen Teil des nötigen Wissens mit.“

Jede Anlage ist anders 

Ganz fremd ist diese Arbeitsweise für ALOtec allerdings nicht. Das Unternehmen mit rund 20 Mitarbeitenden verkauft nicht einfach immer dieselbe Maschine. „Jede Anlage ist anders, weil jeder Kunde andere Anforderungen hat.“ Bei der Kernfusion sind diese Anforderungen nicht ohne. Anlagen und Bauteile müssen zum Beispiel unter Vakuum funktionieren. Hinzu kommen sehr hohe Temperaturen und Werkstoffe, die sich nur schwer bearbeiten lassen. Wolfram ist so ein schwieriger Kandidat.


Clemens Kuhn, Geschäftsführer von ALOtec.

Inzwischen ist ALOtec noch einen Schritt weiter. Das Unternehmen arbeitet mit dem Dresdner Fraunhofer-Institut für Werkstoff- und Strahltechnik IWS und weiteren Partnern auch im Forschungsprojekt AM-SHIELD mit. Dort geht es um neue Werkstoffe und Fertigungsverfahren für Bauteile künftiger Fusionsreaktoren. ALOtec leitet den Verbund aus Unternehmen und Forschungseinrichtungen und koordiniert die Zusammenarbeit.

Kuhn sieht darin auch eine Botschaft an andere mittelständische Unternehmen. Kernfusion könne zunächst wie Raketenwissenschaft wirken. „Davon sollten sie sich nicht abschrecken lassen.“ Entscheidend sei, sich die eigenen Fähigkeiten bewusst zu machen. „Was ist meine Nische, in der ich traditionell arbeite? Was sind meine Kernkompetenzen und wie kann ich diese in das Thema Fusion einbringen?“ 

Ohne Mut geht es nicht

Die Antwort darauf ist nicht immer offensichtlich. Deshalb empfiehlt Clemens Kuhn Kontakte zu Forschungseinrichtungen und Netzwerken wie SAXFUSION. Dort könnten Unternehmen erfahren, welche Probleme noch ungelöst sind. Und anschließend prüfen, ob das eigene Wissen bei einer Lösung helfen kann. 

Das bedeutet allerdings auch Mut und sich auf einen Markt einzulassen, den es in dieser Form noch gar nicht gibt. Weltweit liefert bisher kein Fusionskraftwerk Strom. Wann und ob daraus ein wirtschaftlich bedeutender Markt entsteht, ist offen. Für Kuhn ist ein Einstieg deshalb eine strategische Entscheidung. „Dafür muss man sich als Unternehmen nicht gleich neu erfinden“, sagt er. „Wer früh Erfahrungen sammelt, kann einen Vorsprung haben, falls die Kernfusion tatsächlich zu einem Markt wird.“

ALOtec will sich deshalb auch weiterhin in diesem Thema engagieren. Zum Fusionsforscher muss Kuhn dafür nicht werden. Entscheidend ist für ihn etwas anderes: zu wissen, was das eigene Unternehmen besonders gut kann. „Und wo genau dieses Wissen gebraucht wird.“