Anruf bei Carla: Start-ups mit neuen Ideen für alte Probleme
KI beantwortet Anrufe, findet verborgenes Wissen und beschleunigt Kalkulationen. Drei junge Unternehmen zeigen, wie die Technik im Arbeitsalltag ankommt.
Carla mag es sauber. Ob das Fahrzeug jetzt ausgekehrt und besenrein ist, will sie wissen. Wer diese Frage mit Ja beantwortet und zusätzlich noch Lampen und Radio ausgeschaltet hat, der darf die Autoschlüssel ins Handschuhfach legen und die Türen zumachen. Carla schließt dann ab. Ganz ohne Schlüssel und aus der Ferne. Ihre Stimme ist dabei nur am Telefon zu hören. Wenn sie muss, telefoniert sie gleichzeitig mit Dutzenden Menschen, die ihr Leihauto zurückgeben wollen. Keiner muss warten. Carla kann das. Sie ist kein Mensch, sondern eine KI.
Marvin Matthes und seine Kollegen bei Impact Labs in Dresden haben Carla quasi zum Leben erweckt. Der in Dresden gegründete und jetzt deutschlandweit aktive Transporter-Vermieter "Carl & Carla" bat sie um Hilfe. "Gerade in den Abendstunden geben viele Menschen ihre Mietfahrzeuge zurück und das Callcenter war sehr stark ausgelastet", schildert Matthes die Herausforderung. Der Rückgabeprozess sollte automatisiert werden.
Für solche Aufgaben haben Impact Labs ILAI entwickelt, einen KI-Agenten für den Kundenservice. Die Gründer forschten jahrelang an der HTW Dresden. "Die Sprachtechnologie für ILAI stammt aus der Forschung zu Robotern in der Pflege, die wir dort mitentwickelt haben“, erklärt er weiter. Gerade dort müsse Spracherkennung auch unter schwierigen Bedingungen funktionieren. ILAI soll deshalb auch Menschen verstehen, die undeutlich, mit starkem Dialekt oder in einer lauten Umgebung sprechen.
Auf dieser Technologie basiert Carla. Ein Anruf genügt, um die Rückgabe zu starten.Sie greift dabei auf Wissen zurück, das bei "Carl & Carla“ über die Jahre aus dem Kontakt mit den Kunden entstanden ist. Mussten für die künstliche Carla nun echte Menschen aus dem Callcenter gehen? Matthes verneint das. "Carla übernimmt Routinerückgaben, bei Problemen leitet sie ans Callcenter weiter." Dort sei die Belastung aber nicht mehr so stark wie vorher und Kunden steckten nicht in der telefonischen Warteschleife fest.
Wertvolles Wissen bergen
Um einen regelrechten Goldschatz kümmert sich indessen die Firma Prodlane GmbH aus Leipzig. Das immense Wissen von Industrieunternehmen liegt in technischen Dokumentationen, in Berichten und Datenbanken. Vieles existiert aber auch nur in den Köpfen erfahrener Mitarbeiter. Für Mathias Jakob, Mitgründer von Prodlane, ist dieses verstreute Wissen ein wertvoller Rohstoff. "Es ist ein Haufen Gold mit sehr guten Antworten darin." Wenn man weiß, wo diese Antworten liegen.
Genau dabei soll MAIA helfen. Die KI-basierte Software der Leipziger Firma durchsucht das Wissen eines Unternehmens, sammelt neues und macht alles über Fragen zugänglich. Statt sich durch Ordner und Berichte zu arbeiten, stellen Mitarbeiter ihre Frage direkt an das System. MAIA sucht nach passenden Informationen und zeigt, aus welchen Quellen die Antwort stammt.

Die Idee entstand aus einem Problem, das Jakob während seiner Masterarbeit untersuchte. Mitarbeiter in Industrieunternehmen verbringen viel Zeit damit, Produktinformationen zu suchen. Nach seinen Angaben sind es im Schnitt rund zweieinhalb Stunden am Tag. Ende 2021 gründete er gemeinsam mit Carolin Maier und Moritz von Hammerstein Prodlane. Zunächst entwickelte das Team eine zentrale Plattform, auf der Unternehmen ihr Wissen selbst sammeln sollten. Doch die Kunden interessierten sich vor allem für eine Funktion: die KI-gestützte Suche in den eigenen Daten. Daraus entstand MAIA.
Nach Angaben von Mathias Jakob arbeitet Prodlane inzwischen mit rund 30 größeren und kleineren Unternehmen zusammen. Gerade bei sensiblen Unternehmensdaten spielt Vertrauen dabei eine entscheidende Rolle. Er beobachtet bei seinen Kunden seit einiger Zeit den Wunsch, bei KI-Modellen weniger abhängig von großen US-Anbietern zu sein. Die Leipziger wollen deshalb künftig stärker auf souveräne europäische Modelle setzen.
Aus Wochen Minuten machen
Christian Götze hat die Zeit im Blick. Zehn Jahre arbeitete er selbst in der Kunststoffindustrie. Er kennt den Druck, unter dem Unternehmen stehen, wenn eine Anfrage für ein neues Bauteil eingeht. Wer einen Auftrag bekommen will, muss schnell kalkulieren und möglichst günstiger anbieten als die Konkurrenz.
Wie aufwendig das werden kann, erklärt Götze gern am Beispiel einer Stoßstange. Ein Unternehmen erhält Konstruktionsdaten und ein Lastenheft mit den Anforderungen an das Bauteil. Dann beginnt die Arbeit: Daten analysieren, Kosten kalkulieren, mögliche Lieferanten finden und Preise einholen. "Im schlimmsten Fall habe ich vielleicht erst nach drei oder vier Wochen Feedback und kann mein Angebot rausschicken", sagt Götze.
Mit dem 2022 gegründeten Unternehmen TOOLPLACE will der Leipziger diesen Prozess deutlich verkürzen. Die eigens entwickelte Plattform automatisiert einzelne Analyseschritte bei solche Anfragen und nutzt dafür auch KI und Algorithmen. Aus den vorhandenen Projektdaten sollen Unternehmen innerhalb weniger Minuten erste Kalkulationen erstellen können. Man hole, so erklärt es Götze, das Wissen verschiedenster Experten an einem Ort zusammen.
Sieben Mitarbeiter gehören heute zu TOOLPLACE. Nach eigenen Angaben nutzen mehr als 150 Unternehmen aus neun Ländern die Plattform bereits. Bislang kommt sie vor allem in der Kunststoffindustrie zum Einsatz, künftig soll sie auch stärker für Metallbauteile genutzt werden. Für dem Firmengründer geht es dabei um mehr als Tempo. Gerade dort, wo wenige Stunden oder Tage darüber entscheiden können, wer einen Auftrag bekommt, wird KI zu einem Werkzeug im Wettbewerb. "KI verschwindet nicht wieder. Wer die Vorteile für sich nutzen will, muss jetzt loslaufen."