Schöne Schmetterlinge haben einen Vorteil
Leuchtende Farben, große Flügel, auffällige Muster: Manche Schmetterlinge finden wir besonders schön. Die bekommen mehr Aufmerksamkeit, zeigt eine Studie. Doch für unscheinbare Exemplare ist das problematisch.
Ein blassgelber Falter fliegt über die Wiese. Seine Hinterflügel enden in zierlichen Zipfeln. Am hübschen Schwalbenschwanz geht kaum jemand achtlos vorbei. Manch einer zückt das Smartphone, macht noch schnell ein Foto. Die vielen kleinen braunen Schmetterlinge bemerken dagegen nur wenige. Eine internationale Studie macht jetzt deutlich, dass auffällige Falter nicht nur mehr Aufmerksamkeit bekommen. Sie werden auch häufiger erforscht und finden sich häufiger in europäischen Schutzregelungen. Beteiligt war das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig.
Ein Team der Universität Florenz startete dafür eine Online-Umfrage. Mehr als 21.000 Menschen aus über hundert Ländern bewerteten Fotos europäischer Schmetterlinge auf einer Skala von eins bis zehn. Elisabeth Kühn vom UFZ koordinierte die Befragung in Deutschland. Leuchtende Farben kamen gut an, vor allem Gelb und Blau. Auch starke Kontraste und große, gezackte Flügel punkteten.
"Diese Einschätzung teilten die allermeisten Befragten", sagt Elisabeth Kühn. "Dabei spielte es keine Rolle, ob sie sich mit Schmetterlingen auskannten oder nicht." Aus den Bewertungen berechneten die Forschenden für knapp 500 europäische Arten einen Schönheitsindex.
Die Schönen bekommen mehr Aufmerksamkeit
Von den Schönen gibt es mehr Fotos im Netz. Auch auf Wikipedia bekommen attraktive Arten mehr Aufmerksamkeit. "Für die öffentliche Wahrnehmung hatten wir das auch so erwartet", sagt Elisabeth Kühn. „Überrascht hat uns allerdings, dass sich das gleiche Phänomen auch bei wissenschaftlichen Untersuchungen zeigt." Über attraktive Falter erscheinen deutlich mehr Studien. Auch von ihnen veröffentlichte Gensequenzen gibt es häufiger.
In europäischen Schutzregelungen zeigt sich dieses Muster ebenfalls. In der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU von 1992 sind attraktive Arten überdurchschnittlich oft vertreten. Das beeinflusst auch, welche Arten von Schutzmaßnahmen und Fördergeldern profitieren.
Die Auswertung zeigt allerdings zunächst einen Zusammenhang. Ob das attraktive Aussehen selbst der Grund dafür ist, dass manche Arten mehr Aufmerksamkeit bekommen, lässt sich daraus nicht sicher ableiten.
Den Unscheinbaren geht es schlechter
Die Roten Listen zeigen ein anderes Bild. Dort entscheidet nicht das Aussehen, sondern wie selten eine Art ist oder wie stark ihre Bestände zurückgehen. Nach den Listen von 2025 geht es den weniger attraktiven Arten tendenziell sogar schlechter. "Es gibt zum Beispiel in den Alpen viele unscheinbare braune Arten, die durch den Klimawandel stark bedroht sind", sagt Elisabeth Kühn. Der Gletscherfalter etwa flieht vor der Wärme in immer höhere Lagen, bis es nicht mehr weitergeht. Mehr als die Hälfte der als gefährdet eingestuften Schmetterlingsarten hat inzwischen mit steigenden Temperaturen zu kämpfen.
Schöne Falter als Aushängeschilder hält die Biologin trotzdem für sinnvoll. "Man bekommt dadurch einfach viel mehr Aufmerksamkeit und hat bessere Chancen, Lebensräume zu erhalten", sagt sie. Davon können auch andere Arten profitieren.
Doch es braucht Daten zu möglichst vielen Arten. Deshalb gründeten das UFZ und die Gesellschaft für Schmetterlingsschutz vor über 20 Jahren das Tagfalter-Monitoring Deutschland. Hunderte Freiwillige zählen dafür von April bis Ende September regelmäßig die Falter entlang festgelegter Strecken. Erfasst wird jede Art. Auch die kleinen braunen.
Originalpublikation:
Leonardo Dapporto et al.: Beauty bias in butterfly research and conservation; Current Biology, 2026; 36, 4520-4529.e7