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Die ersten Fledermäuse kamen wohl aus Europa

Eine große Genomstudie verortet den Ursprung der Fledermäuse vor rund 65 Millionen Jahren in Europa. An der Spurensuche waren auch Forschende aus Dresden beteiligt.

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Madagassische Haftscheibenfledermaus der Art Myzopoda aurita
Das Erbgut der Madagassischen Haftscheibenfledermaus gehört zu 30 Fledermausgenomen, die für die Studie in Dresden sequenziert und erstellt wurden. © Manuel Ruedi, Muséum d'histoire naturelle de la Ville de Genève

An lauen Sommerabenden huschen sie über Gärten und Parks. Viele Menschen kennen Fledermäuse nur als flatternde Schatten in der Dämmerung. Doch woher stammen die Tiere eigentlich? Darüber wird seit Langem diskutiert. Eine große internationale Studie liefert nun eine überraschende Antwort. Die Vorfahren der heutigen Fledermäuse lebten wahrscheinlich vor rund 65 Millionen Jahren in Europa. Von dort breiteten sich ihre Nachfahren der Analyse zufolge zunächst nach Afrika und später in weitere Teile der Welt aus.

An der Spurensuche war auch Dresden beteiligt. Die Sequenziereinrichtung am Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik (MPI-CBG) und das DRESDEN-concept Genome Center sequenzierten und erstellten 30 der 42 neuen Genome für die Studie. Insgesamt verglichen 137 Forschende aus 64 Ländern die Genome von 103 Arten. Damit sind alle 21 heute anerkannten Fledermausfamilien vertreten.

Erbgut trifft auf alte Fossilien

Im Erbgut steckt die genetische Information eines Lebewesens. Forschende können die Reihenfolge der DNA-Bausteine auslesen und Arten miteinander vergleichen. So können sie untersuchen, wie eng verschiedene Arten miteinander verwandt sind und ihre Entwicklungsgeschichte rekonstruieren.

Doch Erbgut allein erzählt nicht die ganze Geschichte. Deshalb bezog das Team auch 44 Fledermausfossilien aus aller Welt ein. Aus der Zeit, in der die ersten Fledermäuse entstanden sein dürften, sind allerdings nur wenige Fossilien erhalten. Wo ihr gemeinsamer Vorfahr lebte, lässt sich deshalb nicht einfach an einem Fundstück ablesen.

Die Forschenden kombinierten genetische Daten, Fossilien und weitere Merkmale und berechneten daraus den wahrscheinlichsten Ursprungsort. Das Ergebnis fällt deutlich aus. Ihr Modell kommt für Europa auf eine Wahrscheinlichkeit von 99,2 Prozent. Es setzt den Ursprung der Fledermäuse ins späte Paläozän vor rund 65 Millionen Jahren. Frühere Untersuchungen hatten den Ursprung je nach Methode auch in Asien, Afrika oder Nordamerika vermutet.

Echoortung gab es schon sehr früh

Die Fossilien verraten noch etwas über eine Fähigkeit, für die Fledermäuse bekannt sind: die Echoortung. Dabei stoßen die Tiere Laute aus. Treffen die Schallwellen auf ein Hindernis oder ein Beutetier, kommen sie als Echo zurück. So können Fledermäuse auch im Dunkeln erkennen, was sich vor ihnen befindet.

Besonders interessant ist die fossile Fledermaus Vielasia. Sie gehört nach der neuen Analyse zu einem sehr frühen Zweig im Stammbaum. Das deutet darauf hin, dass Fledermäuse schon Echoortung nutzten, bevor sich ihre Vorfahren in die verschiedenen heute lebenden Gruppen aufspalteten. Auch der aktive Flug entstand demnach bereits sehr früh.

Die neuen Daten verändern auch den Stammbaum der Fledermäuse. Einige Gruppen sind demnach anders miteinander verwandt als bisher angenommen. Solche Verwandtschaften sind schwer zu bestimmen. Viele Fledermausgruppen entstanden in einem relativ kurzen Zeitraum, und bisher fehlten für zahlreiche Arten hochwertige Genomdaten.

"Fledermäuse überraschen uns immer wieder. Sie sind eines der größten Experimente der Evolution", sagt Sonja Vernes von der University of St Andrews. Die neuen Genome liefern nun auch eine Grundlage für weitere Forschung. So lässt sich genauer erforschen, wie sich Eigenschaften wie die ungewöhnliche Langlebigkeit und die Widerstandsfähigkeit gegenüber Krankheiten entwickelt haben.


Originalpublikation:
Morales, A.E., Liang, Y., Thomas, W.R. et al. Reference genomes and fossils revise bat family phylogeny and biogeography. Nature (2026).